Warum die WHO keine Grenzwerte für Schimmel in Innenräumen nennt
Kaum eine Frage taucht im Zusammenhang mit Schimmel in Wohnungen so häufig auf wie diese: Gibt es Grenzwerte? Viele Betroffene, Mieter, Vermieter und auch Verwalter erwarten eine einfache Zahl, ab der ein Schimmelproblem als gesundheitlich relevant gilt. Genau an diesem Punkt ist die WHO sehr klar. In ihrer Leitlinie „WHO guidelines for indoor air quality: dampness and mould“ empfiehlt sie keine quantitativen gesundheitsbasierten Grenzwerte oder Schwellenwerte für mikrobiologische Belastungen in Innenräumen.
Das ist keine Lücke und kein Versehen. Es ist eine bewusste fachliche Entscheidung.
Die zentrale Aussage der WHO
Die WHO formuliert ausdrücklich, dass für von Feuchte und Schimmel betroffene Innenräume keine gesundheitsbasierten quantitativen Grenzwerte für Mikroorganismen empfohlen werden können. Stattdessen legt die Leitlinie den Schwerpunkt auf einen anderen Ansatz: Feuchte und mikrobielles Wachstum sollen verhindert oder, wenn sie auftreten, beseitigt werden, weil sie das Risiko gefährlicher Expositionen gegenüber Mikroben und Chemikalien erhöhen.
Für den deutschen Markt ist das eine ganz zentrale Botschaft. Denn sie verschiebt die Diskussion weg von der Suche nach einer beruhigenden Zahl und hin zur sachgerechten Bewertung der tatsächlichen Schadenssituation.
Warum die WHO auf Grenzwerte verzichtet
Die WHO begründet ihre Zurückhaltung nicht mit Unwissenheit, sondern mit der Komplexität der Innenraumbelastung. Feuchte und Schimmel in Gebäuden führen nicht zu einer einheitlichen, leicht messbaren Stoffgruppe, sondern zu einer Mischbelastung. Dazu gehören unter anderem:
- lebende und tote Mikroorganismen
- Sporen
- Zellfragmente
- Allergene
- Toxine
- β-Glucane
- MVOCs
- weitere chemische Stoffe aus feuchten oder degradierenden Materialien.
Die WHO macht deutlich, dass die für gesundheitliche Wirkungen verantwortlichen einzelnen Mikroben oder Agenzien in der Regel nicht sicher identifiziert werden können. Expositionen sind komplex, Mischwirkungen wahrscheinlich, und die Zusammensetzung kann je nach Gebäude, Material, Feuchteursache und Nutzungsverhalten sehr unterschiedlich sein.
Unter diesen Bedingungen wäre ein scheinbar exakter Grenzwert fachlich trügerisch.
Ein Grenzwert würde eine Scheinsicherheit erzeugen
Gerade bei Schimmel in Innenräumen wäre ein einzelner Zahlenwert problematisch. Denn er könnte den Eindruck erwecken, dass unterhalb eines bestimmten Messwertes keine relevante Gefährdung besteht und oberhalb davon automatisch eine eindeutige Gesundheitsgefahr nachgewiesen wäre. Genau diese Vereinfachung trägt die WHO nicht mit.
Die WHO bewertet stattdessen Feuchte selbst als starken und konsistenten Indikator für ein Risiko von Asthma und Atemwegssymptomen. Das bedeutet: Schon die Feuchte- und Schimmelsituation als solche ist gesundheitlich relevant, auch wenn sich daraus kein allgemeingültiger numerischer Schwellenwert ableiten lässt.
Warum Messwerte allein das Problem nicht lösen
Die WHO weist darauf hin, dass kein spezifisches Maß mikrobieller Belastung bislang nachweisbar als besonders sensitiver oder spezifischer Marker für die gesundheitsrelevante Exposition in feuchten Innenräumen geeignet ist. Anders gesagt: Es gibt nach WHO nicht den einen Messwert, mit dem sich das gesundheitliche Risiko in Wohnungen sicher und vollständig beschreiben ließe.
Das ist für die Praxis hoch relevant. Denn viele Diskussionen drehen sich um die Frage, ob eine Luftprobe, eine Materialprobe oder ein Einzelwert „noch im grünen Bereich“ liegt. Die WHO sagt dazu sinngemäß: So einfach ist die Lage nicht. Maßgeblich ist die Gesamtsituation.
Die WHO setzt auf Prävention und Sanierung statt auf Zahlen
Die Leitlinie formuliert deshalb einen anderen Handlungsmaßstab. Nicht das Erreichen oder Unterschreiten eines Grenzwerts steht im Mittelpunkt, sondern die Frage:
- Liegt Feuchte vor?
- Gibt es sichtbaren Schimmel?
- Besteht Schimmelgeruch?
- Gab es Leckagen oder Wasserschäden?
- Sind Bauteile durchfeuchtet?
- Gibt es Hinweise auf verdecktes Wachstum oder Materialabbau?
Wenn solche Hinweise vorliegen, sollen die Probleme nicht verwaltet, sondern verhindert, minimiert und saniert werden. Genau das ist der eigentliche WHO-Ansatz.
Was die WHO gesundheitlich trotzdem sehr klar sagt
Auch ohne Grenzwerte bleibt die WHO gesundheitlich deutlich. Sie sieht ausreichende epidemiologische Evidenz für Assoziationen zwischen Feuchte und Schimmel einerseits und mehreren Gesundheitswirkungen andererseits, insbesondere:
- respiratorische Symptome
- Husten
- Wheeze
- Dyspnoe
- Atemwegsinfektionen
- Asthmaentwicklung
- Asthmaverschlechterung
- current asthma.
Das heißt: Die WHO verzichtet nicht deshalb auf Grenzwerte, weil das Thema unbedeutend wäre. Im Gegenteil. Sie verzichtet darauf, obwohl die gesundheitliche Relevanz von Feuchte und Schimmel als Gesamtsituation gut belegt ist. Gerade deshalb wird der Fokus auf Prävention und Beseitigung gelegt.
Warum diese WHO-Position für Deutschland so wichtig ist
Im deutschen Markt werden Schimmelfälle oft zu stark auf Messzahlen reduziert. Dann entstehen typische Fragen wie:
- Ab welchem Wert ist Schimmel gesundheitsschädlich?
- Gibt es eine erlaubte Sporenzahl?
- Liegt der Befund noch unter einem Grenzwert?
- Muss überhaupt saniert werden, wenn kein Grenzwert überschritten ist?
Die WHO gibt hier eine klare Richtung vor: Feuchte und Schimmel sind nicht erst dann ein Problem, wenn ein Messwert überschritten wird.
Ausschlaggebend sind die bauliche und hygienische Situation, die Warnzeichen und die gesundheitlich relevante Exposition als Ganzes.
Das ist besonders wichtig für Mieter und Eigentümer, weil dadurch auch kleine oder verdeckte Schäden fachlich ernst genommen werden können, ohne dass man auf eine scheinbar entlastende Zahl fixiert bleibt.
Bedeutet das, dass Messungen wertlos sind?
Nein. Die WHO sagt nicht, dass Untersuchungen oder Messungen grundsätzlich nutzlos wären. Sie zeigt aber deutlich, dass Messwerte allein die gesundheitliche und sachverständige Bewertung nicht abschließend tragen. Sie sind nur ein Teil der Beurteilung und müssen immer im Zusammenhang mit Feuchteursachen, Gebäudezustand, Sichtbefund, Geruch, Nutzungsbedingungen und Schadensverlauf interpretiert werden.
Das ist eine wichtige Unterscheidung:
Messungen können unterstützen, aber sie ersetzen nicht die fachliche Bewertung der Schadenssituation.
Ein sehr wichtiger WHO-Gedanke für die Begutachtung
Die WHO formuliert sinngemäß, dass anhaltende Feuchte und mikrobielles Wachstum auf Innenoberflächen und in Bauteilen vermieden oder minimiert werden sollten, weil sie zu nachteiligen gesundheitlichen Wirkungen führen können. Tritt ein Problem auf, sollte es beseitigt werden, weil es das Risiko gefährlicher Expositionen gegenüber Mikroben und Chemikalien erhöht.
Dieser Satz ist für die Praxis fast wichtiger als jeder hypothetische Grenzwert. Er beschreibt nämlich den eigentlichen Maßstab: Feuchte und Schimmel nicht bagatellisieren, sondern fachlich bewerten und sanieren.
Fazit
Die WHO nennt keine quantitativen gesundheitsbasierten Grenzwerte für Schimmel in Innenräumen, weil die Belastung in feuchten Gebäuden zu komplex ist, um sie sinnvoll auf eine einzige Zahl zu reduzieren. Feuchte und Schimmel führen zu einer Mischbelastung aus biologischen und chemischen Agenzien, deren gesundheitliche Wirkung nicht an einem einfachen Schwellenwert festgemacht werden kann.
Für die Praxis in Deutschland bedeutet das: Die entscheidende Frage lautet nicht „Welcher Grenzwert gilt?“, sondern ob Feuchte, Schimmel, Geruch, Kondensation oder andere Warnzeichen vorliegen und fachlich saniert werden müssen. Genau hierin liegt die Stärke des WHO-Ansatzes.
Quelle
World Health Organization (WHO): WHO guidelines for indoor air quality: dampness and mould. WHO Regional Office for Europe, 2009.
Besonders relevante Fundstellen für diesen Beitrag: Executive Summary und Guidelines zu fehlenden quantitativen Schwellenwerten, Kapitel 4.4 zur fehlenden Eignung einzelner Marker sowie die Grundsatzaussagen zur komplexen Exposition in feuchten Innenräumen.
Haben Sie Probleme mit Schimmel oder Feuchteschäden?
Bei Schimmelproblemen, Feuchteschäden oder Unsicherheiten hinsichtlich Bewertung und Sanierung nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir sind überregional tätig und in kleinen wie auch großen Schimmelproblematiken für unsere Kunden unterwegs in ganz Deutschland.
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