Gibt es laut WHO gefährliche Schimmelpilzarten?
Viele Menschen suchen nach einer einfachen Antwort auf eine scheinbar einfache Frage: Welche Schimmelpilzarten sind gefährlich? Im Alltag tauchen dabei oft Namen wie Stachybotrys, Aspergillus oder Penicillium auf, häufig verbunden mit der Erwartung, dass sich das Gesundheitsrisiko allein über die Art bestimmen lässt. Die WHO bewertet diese Frage deutlich differenzierter. Nach ihrer Leitlinie zu Feuchte und Schimmel in Innenräumen liegt das gesundheitliche Risiko meist nicht in einer einzelnen „gefährlichen Art“, sondern in der Gesamtsituation aus Feuchte, mikrobiellem Wachstum und Exposition.
Die kurze Antwort: Die WHO nennt nicht einfach „die gefährlichen Arten“
Die WHO hält ausdrücklich fest, dass die einzelnen Mikrobenarten und anderen biologischen Agenzien, die für Gesundheitseffekte verantwortlich sind, nicht sicher identifiziert werden können. Begründet wird das damit, dass Menschen in Innenräumen meist gleichzeitig mehreren Agenzien ausgesetzt sind, die Exposition nur schwer exakt bestimmbar ist und sehr viele unterschiedliche Symptome und Gesundheitsfolgen auftreten können.
Das ist eine zentrale Aussage. Sie bedeutet:
Die WHO arbeitet nicht mit einer simplen Liste nach dem Muster „Art X ist gefährlich, Art Y ist harmlos“. Genau deshalb wäre es fachlich zu kurz gegriffen, Schimmelprobleme in Wohnungen nur auf die Identifikation einer einzelnen Pilzart zu reduzieren.
Warum die WHO so zurückhaltend ist
Die WHO beschreibt Feuchte- und Schimmelschäden als komplexe Expositionslage. In feuchten Gebäuden treten gleichzeitig verschiedene Einwirkungen auf, darunter:
- Schimmelsporen
- Zellfragmente
- Toxine
- Allergene
- mikrobielle flüchtige Stoffe
- weitere chemische Belastungen aus feuchten oder degradierenden Baustoffen.
Hinzu kommt, dass mikrobiologische und chemische Einflüsse sich gegenseitig verstärken können. Die WHO weist sogar darauf hin, dass mikrobielle Interaktionen eine wichtige Rolle spielen können und dass gleichzeitige Expositionen zu unerwarteten Reaktionen führen können. Deshalb lässt sich das Gesundheitsrisiko nicht zuverlässig auf eine einzige Art oder einen einzigen Stoff reduzieren.
Die WHO schaut auf Feuchte und Belastung, nicht nur auf Artnamen
Die WHO legt ihren Schwerpunkt deshalb nicht auf „gefährliche Artenlisten“, sondern auf die Risikokonstellation:
- Feuchte in Bauteilen oder auf Oberflächen
- sichtbarer Schimmel
- Schimmelgeruch
- Wasserleckagen oder Wasserschäden
- Kondensation
- mikrobielles Wachstum insgesamt.
Das ist besonders wichtig für die Begutachtung und für den Wohnungsmarkt in Deutschland. Denn es bestätigt, dass die entscheidende Frage nicht nur lautet: Welche Art wurde gefunden? Sondern vor allem:
Warum ist das Material feucht? Wie lange besteht das Problem? Wie groß ist die Belastungssituation insgesamt?
Bedeutet das, dass einzelne Arten unwichtig sind?
Nein. Die WHO sagt nicht, dass einzelne Arten bedeutungslos wären. Im Gegenteil: Das Dokument nennt zahlreiche innenraumrelevante Pilzgattungen und Pilzarten und ordnet sie zum Beispiel nach ihrem Feuchtebedarf ein. Dazu gehören unter anderem Aspergillus, Penicillium, Cladosporium, Alternaria, Stachybotrys, Fusarium und weitere.
Auch toxikologisch werden einzelne Arten oder Gattungen im WHO-Dokument angesprochen, etwa:
- Stachybotrys chartarum im Zusammenhang mit Trichothecenen,
- Aspergillus flavus und Aspergillus parasiticus im Zusammenhang mit Aflatoxinen,
- weitere toxinbildende Schimmelpilze in experimentellen oder toxikologischen Kontexten.
Diese Hinweise zeigen, dass bestimmte Arten fachlich relevant sein können. Die WHO zieht daraus aber keine einfache Innenraumregel nach dem Motto: „Wenn diese Art vorkommt, ist das Risiko automatisch eindeutig bestimmt.“ Genau diese Verkürzung vermeidet die Leitlinie.
Was die WHO stattdessen gesundheitlich sicherer sagen kann
Die WHO kommt zu dem Ergebnis, dass es ausreichende epidemiologische Evidenz für Assoziationen zwischen Feuchte oder Schimmel und mehreren gesundheitlichen Wirkungen gibt, darunter:
- Asthmaentwicklung
- Asthmaverschlechterung
- aktuelles Asthma
- Atemwegsinfektionen
- obere Atemwegssymptome
- Husten
- Wheeze
- Dyspnoe.
Diese Aussage ist für die Praxis wichtiger als eine vereinfachte Artenliste. Die WHO kann also gesundheitlich belastbar sagen: Feuchte und Schimmel als Gesamtsituation sind riskant. Sie sagt aber nicht: Diese eine Art erklärt das gesamte Risiko sicher und abschließend.
Ein wichtiger WHO-Satz für die Praxis
Besonders aufschlussreich ist die WHO-Aussage, dass die Evidenz nicht darauf hindeutet, dass irgendein spezifisches Maß von Mikroorganismen oder mikrobiellen Stoffen eine nachweisbar spezifischere oder sensitivere Beurteilung der gesundheitsrelevanten Exposition liefert. Auch das spricht gegen eine Überbewertung einzelner Art- oder Einzelstoffnachweise.
Für die Begutachtung heißt das:
Ein Artbefund kann ein Puzzlestück sein, aber nicht automatisch die ganze gesundheitliche Bewertung tragen.
Warum der Mythos vom „gefährlichsten Schimmel“ problematisch ist
Im Alltag führt die Suche nach „dem gefährlichsten Schimmel“ oft in die falsche Richtung. Sie kann dazu führen, dass
- kleine sichtbare Befallsflächen bagatellisiert werden, wenn keine „berüchtigte“ Art benannt wird,
- verdeckte Feuchteschäden übersehen werden,
- die Ursache nicht beseitigt wird,
- Mieter und Eigentümer über Messberichte diskutieren, statt die Feuchte zu sanieren.
Die WHO lenkt den Blick bewusst zurück auf das Wesentliche: anhaltende Feuchte und mikrobielles Wachstum sollen vermieden oder minimiert werden, weil sie mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind. Wenn solche Probleme auftreten, sollen sie saniert werden.
Gibt es also gar keine „gefährlichen Arten“?
Aus Sicht der WHO wäre die saubere Antwort:
Ja, es gibt Schimmelpilze mit bekannten toxikologischen, allergologischen oder infektiologischen Eigenschaften.
Aber: In normalen Wohnraumsituationen lässt sich das Gesundheitsrisiko meist nicht belastbar auf eine einzelne Art reduzieren. Entscheidend bleibt die Gesamtexposition in einem feuchten oder schimmelbelasteten Innenraum.
Damit ist auch klar, warum die WHO keine einfache Rangliste „gefährlicher Schimmelpilze in Wohnungen“ aufstellt.
Was das für Wohnungen in Deutschland bedeutet
Für den deutschen Markt ist diese WHO-Sichtweise besonders wertvoll. In vielen Streitfällen wird immer wieder gefragt:
- Ist das nur ein harmloser Schimmel?
- Welche Art wurde gefunden?
- Ist schwarzer Schimmel automatisch gefährlicher?
- Reicht eine Oberflächenreinigung?
Die WHO gibt darauf indirekt eine klare Antwort:
Die gesundheitliche Bewertung darf nicht allein an der Farbe, am Namen oder an einer einzelnen Artbestimmung hängen. Maßgeblich sind Feuchte, Bauzustand, Expositionssituation, Dauer des Problems und die Gesamtheit der biologischen und chemischen Belastungen.
Fazit
Laut WHO gibt es keine einfache Liste eindeutig „gefährlicher Schimmelpilzarten“, mit der sich Wohnraumschäden abschließend bewerten ließen. Die WHO betont vielmehr, dass einzelne Mikrobenarten als Ursache gesundheitlicher Wirkungen meist nicht sicher identifizierbar sind. Das Risiko liegt in der Gesamtsituation aus Feuchte, mikrobiellem Wachstum und Exposition.
Für die Praxis bedeutet das: Nicht nur nach dem Namen des Pilzes fragen, sondern vor allem die Feuchteursache, den Umfang des Schadens, die Warnzeichen und die Belastungssituation insgesamt fachlich bewerten. Genau darin liegt die eigentliche Stärke der WHO-Leitlinie.
Quelle
World Health Organization (WHO): WHO guidelines for indoor air quality: dampness and mould. WHO Regional Office for Europe, 2009.
Besonders relevante Fundstellen für diesen Beitrag: Executive Summary / Einführung zur fehlenden eindeutigen Identifizierbarkeit einzelner Arten, Kapitel 4.4 zur Gesundheitsbewertung sowie Kapitel 5.3 zu Prävention und Sanierung.
Haben Sie Probleme mit Schimmel oder Feuchteschäden?
Bei Schimmelproblemen, Feuchteschäden oder Unsicherheiten hinsichtlich Bewertung und Sanierung nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir sind überregional tätig und in kleinen wie auch großen Schimmelproblematiken für unsere Kunden unterwegs in ganz Deutschland.
Sachverständigenbüro Charles Knepper
Kirchweg 4
06295 Lutherstadt Eisleben
Funk 0177 4007130
E-Mail gutachter-knepper@online.de
https://schimmelhilfe24.de
https://holzschutz-gutachten24.de
https://gutachter-knepper.de
https://bauschaden24.eu
